RUDE BOYS UNITY FESTIVAL 2004

Nach so ein bisschen über sechs Stunden reiner Fahrtzeit und ungefähr 100.000 Sitzpositionswechsel um meinen Arsch besser zu durchbluten und einer Reisetrombose vorzuboigen kamen wir in Genf an und fanden L’Usine doch recht schnell nachdem wir nur einmal um den Weg gefragt hatten. Das Usine ist so eine Art Kulturzentrum mit einer riesengroßen Konzerthalle im Parterre und einer großen Konzerthalle im ersten Stock nebst mehreren Bars.


Irgendwo im Geboide bei einem Hintergang gibt’s auch ein Kino. Sonst hab ich aber keine Ahnung über die Geschichte und sonstige Verwendung dieses Hauses. Vor dem L’Usine standen dann so an die 70 Loite herum, hauptsächlich Skins und Punks, daneben hat ein gerissener Jungunternehmer eine transportable Bar mit Musik und Beloichtung aufgestellt um die Herumlungernden zu versorgen und ich dachte schon es wird wohl gerade eine Umbaupause sein, weil soviel Menschen heraußen in der Kälte sich den Arsch abfroren aber weit gefehlt: Im Geboide, das wir erst nach psoidopenibler Durchsuchung auf Waffen betreten konnten, war alles voll gestopft von Menschen verschiedenster sozialer Herkunft, Subkulturzugehörigkeit (oder auch nicht) oder Geschlechter. Ich konnte gar nicht fassen dass das wirklich war, was da passierte: ein Haus so voll, dass man sich kaum bewegen konnte ohne 30 Loite auf einmal anzurempeln, davon die Mehrzahl Punks, gefolgt von Skins und einem doch noch großen Rest von Normalos, Psychos, Individualisten und undefinierbaren Gestalten und wieder Stinos und Rastatypen und weiß der Toifel was! In der Riesenhalle hörten gerade OI’N’AST aus Asturien/Spanien zu spielen auf, ich drängte mich die Treppen über sitzplatzausnutzende Leiber drüber, um in der oberen Halle irgendeine Folkpunkgruppe zu sehen, hier konnte man zu diesem Zeitpunkt mehr Luft schnappen und sich weniger angestrengt durchkämpfen, weshalb ich einmal dort anfing, alle Plattenstände und Infotische durchzuwühlen. Wieder unten legten gerade die OPCIO-K95 ihr Set hin. Bei ihrem Hit „Oi por Catalunya“ machten dann die paar Psychos ihrem Namen alle Ehre und fetzten mit Ellbogen auf Gesichtshöhe durch die Menge nebenbei noch versuchend, sich gegenseitig auf den Boden zu reißen. Wieso grad ei dem Lied weiß ich auch nicht, ich hab die wenigen Psychos dann nie wieder knapp vor der Bühne gesehen. Danach spielte eine holländische Punkband namens N.B.A. und ich quatschte noch kurz den mit einem Black Panter T-Shirt bekleideten Sänger von OPCIO-K95 an, um herauszufinden warum mir eine Nummer von ihnen so bekannt vorgekommen war, und siehe da, sie haben doch glatt ein Stück von KORTATU gecovert (gleich wie die BOICOT) – vom Baskischen ins Katalanische übersetzt. Vor den Plattenständen war immer ein Mordsgedränge, deswegen hab ich doch glatt auf den Anfang von BRIGADA FLORES MAGON verzichtet, weil ich endlich einen Platz vor einer Plattenbox ergattert hatte. Aber eigentlich hat’s eh nix gemacht, weil so lang wie die BRIGADA sonst niemand gespielt hat. Dafür war’s dann umso schwieriger, nach vorne zu kommen, weil es wirklich den Anschein hatte, als wollten alle direkt vor der Bühne stehen. Dort standen dann zwei Reihen Skins, die alle Texte auswendig kannten und deren Mitgegröle manchmal dadurch belohnt wurde, dass der Sänger das Mikro zu den offenen Kehlen hinunterrichtete. Dafür mussten sie ständig die Ellbögen und Stiefel ertragen, die sie ins Kroiz bekamen, weil hinter ihnen natürlich eifrigst gepogt wurde. Na ja, soviel Platz war ja auch wieder nicht, dass es richtig abgehen konnte, sehr zur Freude der Stagediver, die ununterbrochen in die Menge hüpften. Man kann schon sagen, dass BRIGADA der Hauptact des Festivals war, zumindest war aber die Stimmung bei ihnen mit Abstand am Besten. Während die meisten anderen Bands so ungefähr eine ¾ Stunde spielten, haben die BRIGADA mindestens die doppelte Zeit gespielt: Dreimal sind sie noch auf die Bühne gekommen um Zugaben zu spielen, wobei nur die letzte so kurz war, dass sie nur aus einem Lied bestand. Geil war vor allem wie der Sänger beim letzten Lied der zweiten Zugabe selber von der Bühne sprang und sich von der Masse tragen ließ und wie dann beim allerletzten Lied der Guitarrero dasselbe machte und auf dem Rücken liegend auf den Händen des Publikums sein Gitarrensolo spielte. Nach den BRIGADA bin ich dann kurz in den 2. Stock rauf, um die LOIKÄMIE anzuschauen. Einmal abgesehen davon, dass sie mir eh nicht gefallen und ich mich schon daher hart tue, was Gutes über sie zu schreiben, war der Sound grottenschlecht und das Publikum wirkte aus nur 16-jährigen Skinheads zu bestehen. Unten hatten LOS FASTIDIOS das Pech, im Schatten der BRIGADA zu spielen: Sie sind wirklich eine großartige, witzige und geile Band, aber das Publikum war halt schon ein bisschen abgekämpft. Dennoch war die Stimmung immer noch gut, was bei den eindringlichen Melodien, den mitreißenden Refrains und den politischen Texten ja auch nicht anders zu erwarten ist. LOS FASTIDIOS spielten ein aus alten wie noien Sonx gut gemischtes Set, das sehr zum Mitsingen einlud.

Danach fingen gleich KLASSE KRIMINALE an. Obwohl, ich glaub, es ist eh nur mehr der Marco von K.K., der Rest der Band ist so jung, bis auf den Bassisten, aber da weiß ich, dass es da früher einmal eine Frau gegeben hat. Na ja, die KLASSE KRIMINALE hatten nun wirklich Pech, denn es war schon zwei Uhr verstrichen und die Loite waren echt so müde, dass keine gescheite Stimmung mehr zusammenkam, obwohl der Marco mit seinen Grimassen und seiner Gestikulation echt als Alleinunterhalter herhalten könnte und der Sound auch genial war. Als Zugabe wurde auch „If the kids are united“ gespielt, wo auch Skinheadkönig Olaf von den STAGEBOTTLES mitsang, so wie bei einem anderen Lied vorher, und so wie bei den LOS FASTIDIOS, genauso wie bei den PORTERS am näxten Tag und wie bei THE BLAGGERS A.K.A., bei denen er ja sowieso der noie Sänger ist. Bravo! Überall singt der Skinheadkönig mit. Das nenne ich Engagement! Olaf, Skinheadkönig, for President! Ohne den läuft ja sonst nix. Und wenn wir schon dabei sind: Ohne THE CLASH geht’s auch nicht: „What’s my name“ by BRIGADA FLORES MAGON, „Garageland“ auf italienisch by LOS FASTIDIOS, „White Riot“ by KLASSE KRIMINALE, „Hammersmith Palais“ by BLOOD OR WHISKEY, ja, das wär’s dann eh schon gewesen, woran ich mich erinnern kann. Aber ernsthaft: Was würden die Bands covern, wenn es die CLASH nie gegeben hätte? Die SEX PISTOLS? Hoffentlich nicht.
So gegen 18:00 kam ich dann am Samstag dem 18.10. ins Usine. Dort quatsche ich mit so vielen NO RESPECTerianern und SCRAPYsten wie ich nur treffen konnte. Unten spielten gerade die OPEN SEASON aus Bern. Von NO RESPECT hab ich eh alle getroffen zum Quatschen und welch Glück: Ursprünglich wäre ja geplant gewesen, dass sie oben zur selben Zeit wie die SCRAPY unten spielen. NO RESPECT wurde aber nach vor verlegt, weil laut Spielplan hätten die PORTERS zur gleichen Zeit spielen sollen wie THE BLAGGERS A.K.A. und nicht einmal Skinheadkönig Olaf kann auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen. So sah ich sie dann bald, doch leider war im oberen Stock der Sound recht schlecht und Stimmung wollte bei ihnen nicht so recht aufkommen, da bei ihrem charakteristischen Sound das Publikum nie recht wusste, ob es skanken oder pogen sollte, und das, obwohl eine Reihe von Fans dabei waren, die alle Lieder auswendig kannten. Ich weiß jetzt gar nicht mehr, ob vorher oder nachher, jedenfalls haben auf der Bühne auch die BLOOD OR WHISKEY gespielt. Das ist eine echt geil versiffte Folkpunkcombo mit Banjo. Kommen tun sie aus Irland und einen entsprechend guten Dialekt haben sie. Mein Highlight war natürlich „(White Man In) Hammersmith Palais“, das mit Banjo und in dem Dialekt voll authentisch rüberkommt. Unten spielten die Basken SKUNK, die einen echt guten Skapunk hinlegten, sodass sich die Wally gleich die CD zulegte, auf der sie aber nicht so gut klingen wie live. (Loite, wenn, dann kauft oich die Live-CD). Danach kamen DR. WOGGLE & THE RADIO. Dekadenter Arrogantska aus deutschen Landen. Wer sie gesehen hat, weiß was ich meine. Keinem der Loite, mit denen ich an diesem Abend geredet habe, haben sie gefallen.
Bei der oberen Bühne war ich aber auch nicht mehr allzu oft; kurz hab ich mir die PORTERS angeschaut. Die hatten zwar eine Quetsche dabei und Skinheadkönig Olaf hat sich echt Mühe gegeben, ein ganz langsames trauriges Lied schön zu singen, trotzdem standen sie im Schatten der BLOOD OR WHISKEY, das heißt, sie hatten echt Pech, nach den Iren zu spielen, ist klar, dass sie da schlechter abschnitten.
Dann nix wie runter, um unten einen Stehplatz ganz vorne zu ergattern, denn einer der Hauptacts des Samstags spielten auf: SCRAPY! Da war das Publikum wieder am Dampfen, denn SCRAPY sind ja kaum noch zu überbieten! Übrigens war das das Abschlusskonzert des Schlagzoigers Dan, wer jetzt die Trommeln knetet weiß ich nicht. Dafür soll’s diesen Herbst ins Studio gehen, um ein drittes Album aufzunehmen. Bei SCRAPY wurde dann auch geskankt was das Zoig hielt, dabei taten mir meine Latschen schon höllisch weh vom Ganzentagherumstehen und –gehen. Sobald die SCRAPY fertig waren, brachen wir (die Wally und die zwei Oberösterreicher) zur „K-Bar“ auf, weil dort THE BLAGGERS A.K.A. angesagt waren. Die K-Bar war in einem riesigen Gelände mit Baracken, die alle mit Graffitis vollgesprüht waren, mehr hab ich in der Nacht auch nicht gesehen. Zum Glück war das Gelände keine fünf Gehminuten von L’Usine weg. Dafür wurde man am Eingang penibelst auf Waffen kontrolliert und die Genossin aus Oberö. musste ihr Pfefferspray hinterlegen. Als wir ankamen spielte in der hohen Halle mit der feinen Luft noch eine kleine französische „Skaband“. Anführungszeichen, weil die eigentlich eine mehr Krach als Ska gemacht haben, spaßig zum Zuhören war’s trotzdem. Sehr, sehr viel später als angesagt betraten dann die BLAGGERS A.K.A die Bühne. Aber von den BLAGGERS sind nur noch die Rhythmusgruppe übrig, Gitarre und Gesang kommen von den STAGE BOTTLES, und bei ein paar Liedern packt der Skinheadkönig himself auch einmal das Sax aus. Gespielt wurde ein Potpourri aus alten BLAGGERS und BLAGGERS I.T.A. Songs. Besonders gute Stimmung kam auf, als Solidarity von den A.U. gecovert wurde. Überhaupt war an der kleinen Bühne eine Horde doitscher Skins, die alle Texte kannten (und das obwohl die aktualisiert worden waren: Aus „Beirut“ wurde „Kabul“ und aus „1994“ wurde „2003“) und eifrig mitsangen und gleichzeitig die Foiste in die Luft streckten, wobei einer dabei einmal dem Olaf die Brille von der Nase haute, sodass dieser ganz aus dem Rhythmus kam. Danach hätte noch eine belgische Punkband gespielt, die hat uns aber herzlich wenig interessiert. Wir sind zurück zum Auto, unsere Sachen holen, weil die beiden Genossen bald schlafen gehen wollten. Weil das Usine am Weg lag, hab ich noch kurz hineingeschaut und hörte noch die letzten Töne von „Bella Ciao“ und sah wie die BANDA BASSOTTI die Bühne verließen. Oie, hätte ich mich doch ein bisschen mehr beeilt, dann hätte ich wahrscheinlich noch mindestens zwei ganze Lieder gehört. Aber was soll’s? Ich hab mich halt für die BLAGGERS entschieden gehabt. Hoffentlich sehe ich die B.B. ein anderes Mal. Ich verabschiedete mich noch schnell von ein paar von NO RESPECT und SCRAPY und wäre eigentlich gern noch ein bisschen geblieben, doch meine müden Genossen warteten auf mich. Wir brachen also zum Schlafplatz der Oberösterreicher auf, der zehn Gehminuten vom Usine weg lag.
Allgemein zum Festival ist zu sagen, dass es schon eine volle Reizüberflutung war. Weniger wäre meiner Meinung nach mehr gewesen: Am letzten Tag war das Publikum schon total müde und fertig. Außerdem hat man weniger als die Hälfte der Bands gesehen, weil zum Teil auf drei Bühnen gleichzeitig musiziert wurde. Manchmal störte es mich auch, dass soviel Publikum anwesend war, dass man sich die ganze Zeit nur durchdrängeln konnte. Gerade auf ein paar Typen die eh die ganze zeit nur an der Bar im Weg standen und über andere Loite herzogen hätte ich verzichten können. Na ja, ich zieh ja auch gern über andere her, aber nicht wenn es so lässige Bands zum Anschauen gibt!

Kater Konstantin

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