St. Pauli, Fussball und Glatzen

Ich habe keine genaue Ahnung, wie alt der Skinheadkult auf St. Pauli oder überhaupt in Hamburg ist. George Marshall schrieb in seiner „Skinhead Bibel“, dass bereits Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre, in den grösseren deutschen Küstenstädten, die durch den Schiffsverkehr mit England verbunden waren, bereits Skinheads gesichtet worden waren. Genaueres scheint aber niemand mehr zu wissen. Mit Punk (und Oi!) kehrten dann Anfang der 1980er Jahre die Skinheads zurück, und damit auch nach Hamburg. In einer anderen norddeutschen Stadt, in Hannover, gab es 1984 die sogenannten Chaostage (die aber eine andere Geschichte sind). Bei diesen Chaostagen kam es zu erbitterten Auseinandersetzungen zwischen „linken“ Punks und „rechten“ Skinheads.


Dies wird von Rechten immer wieder gerne als Alibi genutzt, um ihr rechtes Weltbild vom Skinheadkult in Deutschland zu manifestieren und ihr Dasein zu legitimieren. Schliesslich hätten sich ja angeblich eigentlich alle Skinheads gegen die „linken“ Punks „erhoben“. Die Medien übernahmen diese Darstellung gerne, passte sie doch in ihr Konzept, Minderheiten zu stigmatisieren. Punk galt fortan automatisch als „links“, Skinhead als „rechts“. Zugegeben, zu diesem Zeitpunkt waren vermutlich wirklich die meisten Skinheads irgendwie „rechts“, zum Teil auch offen faschistisch.

Doch gab es immer Skinheads in Deutschland, die nicht rechts, im Gegenteil, zum Teil sogar offen links waren. In Hamburg existierte mit dem KB84 (?) zu dieser Zeit ein absolutes linkes Skinhead-Fanzine, und noch heute geistern Gerüchte umher über ominöse „Black Skinheads“, ein Haufen von anarchistisch geprägten Skinheads in Hamburg.

Ende der 1980er Jahre kam die SHARP-Sache auf, und auch in Hamburg waren diese Aufnäher sehr angesagt. Ab diesem Zeitpunkt liegen mir auch die ersten Erzählungen über Skinheads und den FC St. Pauli vor: „Ich hab das immer nur so mitbekommen, dass es früher, so Ende der 80er, ´ne recht grosse SHARP-Szene gab, die immer alle da hingegangen sind [zum FC].“(Splitter-Fanzine, #15, 97/98)
Eigentlich ist der FC St. Pauli kein wirklich besonderer Verein. Gegründet (bzw. in die Eigenständigkeit entlassen) im Mai 1910, war man bloss ein Verein unter vielen. Dominierend waren zu diesem Zeitpunkt schon der HSV und Altona 93 (AFC). Man kämpfte sich über die Jahre hinweg hoch und spielte von 1922 bis 1963 zumeist in der jeweiligen ersten Liga, manchmal allerdings auch in der zweiten.
Mit der Einführung der 1. Bundesliga 1963 allerdings wurde der FC St. Pauli ein typischer, fast permanenter Vertreter der zweiten Ligen, erst der viergestaffelten Regionalliga, später der zweigeteilten zweiten Bundesliga. 1977 gelang der erstmalige Aufstieg in die 1. Liga, und in dieser Saison gab es den ersten (und irgendwie immer noch einzigen) Sieg im Derby gegen den HSV, und das sogar auswärts. Allerdings steig man sofort wieder ab, und nach der folgenden Saison in der 2. Liga wurde dem FC St. Pauli wegen Steuerbetrugs und anderen Dingen die Lizenz entzogen.

So stieg der FC in die dritte Liga ab. Es folgten 5 Jahre im Amateurfussball, die vielleicht dazu beigetragen haben, dass der FC St. Pauli das ist, was er jetzt noch immer ist: ein „normaler“ Verein mit etwas „anderen“ Fans… Zwar stieg man nach dem Aufstieg von 1985 in der nächsten Saison gleich wieder ab, doch ab1987 war der FC eigentlich im Profifussball festgewachsen.

Während der 5 Jahre im Amateurfussball, von 1979/80 bis 1984/85, entwickelte sich in den deutschen Stadien eine etwas gewalttätige Kultur, aus England mit einiger Verspätung importiert. Zwar gab es auch auf St. Pauli einige Fans, die zu einer Schlägerei nicht sofort Nein sagten, doch waren dies vornehmlich Luden und Rocker vom Kiez. In anderen Stadien, im deutschen Profifussball, schlichen sich vermehrt nationalistische und rassistische Untertöne ein, die Gewalttätigkeiten nahmen zu. In Berlin machten z.B. die „Hertha-Frösche“ negative Schlagzeilen, in Frankfurt die „Adlerfront“, und in Hamburg vor allem die „Löwen“ des HSV. Vornehmlich eigentlich Kuttenträger und Halb-Rocker, griffen diese Gruppen Anfang der 1980er vermehrt rechte Parolen auf. In Hamburg bspw. griffen die „Löwen“ gezielt Punks an. Mit dem generellen Skinhead-Boom waren dann auch vermehrt Skinheads in den Stadien zu sehen, und vor allem die Rechten.

In Hamburg gingen auch Punks zum Fussball, und auch hier eigentlich vor allem zum HSV. Erinnert sei nur an die Punkband SLIME, welche mit dem Lied BLOCK E ihre Kurve beim HSV besangen. Diese Punks, und auch andere „andersaussehende“ Menschen, wurden zum beliebten Angriffsobjekt von rechten Fussballfans, selbst von Fans ihres eigenen Vereins. Die Stimmung in den Stadien, vor allem beim HSV wurde immer negativer, die Rechten beherrschten bald die Kurven.

Anders war es beim FC St. Pauli. Aufgrund der relativen Erfolglosigkeit interessierte sich kaum jemand für diesen Verein. Als aber der FC 1984 wieder kurzzeitig in der zweiten Liga auftauchte, begannen einige Menschen dem HSV den Rücken zuzukehren und fortan sich beim FC, am damaligen Wilhelm-Koch-Stadion, Fussball anzuschauen. Zu dieser Zeit wurde Deutschland von grossen sozialen Kämpfen in Atem gehalten: Auseinandersetzungen mit Neonazis vor allem in Norddeutschland, oder die Anti-Atom-Bewegung mit schwersten Auseinandersetzungen, z.B. in Brokdorf. Oder aber auch die Häuserbesetzungen, in Berlin-Kreuzberg, aber auch in Hamburg, auf St. Pauli: die legendäre Hafenstrasse. Diese Zeit bewegte unglaublich viele Menschen, und an einem von der Polizei vorbereiteten Räumungstag standen mehrere zehntausend Menschen bereit, die Räumung auch militant zu verhindern. Die Häuser blieben, und sie stehen noch heute… Allerdings ist es ruhig geworden, nachdem die Besetzer legale Verträge bekommen haben. Damals aber waren die Häuser ein Mittelpunkt der „autonomen Bewegung“.

Nun, manche Linke können sich auch amüsieren, und vor allem bei vielen Autonomen fand sich alsbald eine Vorleibe für den Fussball. Eng verwebt mit der Punk-Szene, fanden sich vermehrt politisch denkende und vor allem auch handelnde Menschen beim FC St. Pauli ein.
In der Saison 1986/87 war der Zuschauerandrang um über 80% gegenüber der letzten 2. Ligasaison, 1984/85 gestiegen.

Mit dem steigenden Interesse von Menschen, nicht mehr nur aus der vornehmlich politischen Linken, planten die Vereinsoffiziellen ein neues Stadion, welches nicht mehr nur zum Fussball genutzt werden sollte. Der Stadtteil St. Pauli war „in“ geworden, zum Tummelplatz für Yuppies und Spekulanten. In diesen Stadtteil, immer noch gekennzeichnet von einem extrem sozialen Niveau, sollte ein sogenannter „Sportdome“ entstehen, in etwa dass, was der FC Schalke 04 mit der ArenA in Gelsenkirchen etwa 15 Jahre später realisierte. Dieser „Sportdome“ war vorgesehen als multifunktionaler Veranstaltungsort für Konzerte und ähnliches. Allerdings, aufgrund der kommerziellen Ausrichtung des Projektes, würde der Stadteil, bzw. dessen sozial schwachen Bewohner, davon in keinster Weise profitieren. Im Gegenteil, eine solcher Bau hätte lediglich ein vielfach erhötes Verkehrsaufkommen mit sich gezogen und der Luxussanierung des Viertels Vorschub geleistet. Die Folge wäre eine Auflösung des bestehenden sozialen Gefüges, eine Erfahrung, die Hamburg bereits mit der Zerstörung des sogenannten „Gängeviertels“, eines traditionell linken Arbeiterviertels, durch die Nationalsozialisten gemacht hat.

Diese Absicht des Vereins, im Einklang mit der Stadt Hamburg, stiess nun auf eine breite Ablehnung, sowohl seitens der Fans, als auch, wenngleich etwas zögerlicher, durch die dort auf St. Pauli lebenden Menschen (wobei das eine nicht das andere ausschloss). Eine Initiative wurde ins Leben gerufen, mit der Absicht, etwas gegen den Bau dieses SportDomes unternehmen zu wollen. Aus dieser Initiative heraus entstand auch ein Fussball-Fanzine, dass „Millerntor Roar“. Durch verschiedenste Aktionen, in und um das Stadion herum, wurde letztendlich dieser SportDome verhindert. Dieser Erfolg beflügelte die aktiven Fans, sich verstärkt in vereins- und andere politische Belange einzumischen, ebenso nahm der Bekanntheitsgrad des Millerntor Roar in ganz Deutschland zu. Zu diesem Zeitpunkt existierten ansonsten eigentlich nur schlecht aufgemachte Fanzines, die davon berichteten, wie viel Alkohol der Autor getrunken hat, wo es welche Gewalttätigkeiten gegeben hat, und in denen hauptsächlich rechte und rechtsradikale Parolen verbreitet wurden.

Diese Zeit war geprägt von den zuende gehenden 1980er Jahren. Im Verlauf der EM 1988 kam es in Hamburg zu grossangelegten Angriffen von Hooligans und Faschisten auf die Häuser in der Hafenstrasse, die in Strassenschlachten endeten. Die Fans des FC St. Pauli galten mittlerweile als pauschal links, und durch den Aufstieg 1988 in die erste Bundesliga nahm auch das „normale“ Deutschland Notiz von „den Zecken“, wie Punks und Linke von Rechten abfällig tituliert wurden. Damit machten sich die Fans vom FC zum beliebten Angriffsobjekt von Faschisten. Allerdings hatten viele dieser „Zecken“ keine grosse Lust, als willkommenes Opfer für den rechten Mob in Deutschlands Stadien herzuhalten, und viele Menschen begannen sich gegen Angriffe zu wehren. Unter den Fans des FC St. Pauli befanden sich zwar kaum wirkliche Hooligans, doch wurde fortan dieser Verein unter anderen Hooligans als einer der Vereine gehandelt, dessen Anhängerschaft zu den schlagkräftigsten zählte. Grund war einfach, dass zu diesem Zeitpunkt wirklich viele Menschen aus politischen, autonomen Zusammenhängen dort zum Fussball gingen, die gegen Faschisten auch militant vorzugehen gewohnt waren.

Durch das Millerntor Roar fühlten sich auch in anderen Vereinen Menschen ermuntert, ebenfalls Fanzines herzustellen, die ich einfach mal als kritisch bis links bezeichnen würde. In dieser Zeit entstanden viele neue, zum Teil auch nur kurzlebige Hefte, aber eine Entwicklung war zu erkennen: in Zukunft würden es Rechten und Faschisten nicht mehr ganz so leicht gelingen, die Fankurven als Sammelbecken für ihre Ideologie zu benutzen.
Aus dem Umfeld des Millerntor Roar, und durch die Kontakte zu Fans und Fanzines anderer Verine beflügelt, entstammt auch die Idee von B.A.F.F., dem Bündnis Antifaschistischer Fussball-Fans, so der damalige Name. Hier kamen Fans der unterschiedlichsten Vereine zusammen, um gemeinsam gegen den permanenten Rassismus in den deutschen Stadien anzugehen. Mittlerweile wurde bei BAFF das „antifaschistisch“ durch „aktiv“ ersetzt, allerdings nur, um auch mit dem Namen zu zeigen, dass man nicht „nur“ antifaschistisch sei, sondern sich auch für andere Themen im Fussball interessiere, wie z.B. die steigende Kommerzialisierung, die Vernichtung von Stehplätzen und ähnlichem.

Anfang der 1990er erlebte Deutschland eine neue Welle von rechtsradikaler Gewalt, vor allem ausgelöst durch die erfolgte Annektion der DDR und dem hiermit verbundenen, entfesselten, neuen grossdeutschen Nationalismus. Diese Stimmung wurde von bürgerlichen Politikern durch ihre ausländerfeindlichen und rassistischen Parolen weiter entfacht, und die Folgen sind bekannt: die Morde von Mölln und Solingen, die Pogrome in Hoyerswerde, Mannheim oder Rostock, und letztendlich, als gewollte Folge dessen, die faktische Abschaffung des Asylgesetzes. Der deutsche Rechtsruck hatte sich militant manifestiert.

Betroffen waren hiervon auch, bzw. im Fussball ganz besonders, die Fans des FC St. Pauli. Insbesondere im Osten Deutschlands war die Situation alles andere als angenehm. Nach diversen grossen Angriffen von Neonazis und Hooligans wurde nach Diskussionen und Gesprächen unter den Fans ein sogenannter „Ostboykott“ durchgeführt, d.h. es wurden keine Auswärtsfahrten zu Spielen in der ehemaligen DDR organisiert. Grund hierfür war auch das absolute Versagen der dortigen Polizei, die nicht gewillt war, „linken“ Fussballfans das übliche Mindestmass an Sicherheit zu gewähren. Und auch im Westen Deutschlands kam es immer wieder zu Angriffen auf Fans des FC St. Pauli.

Zu diesem Zeitpunkt etwa formierte sich erneut eine kleine Ansammlung von Skinheads beim FC, die z.T. auch heute noch besteht. Natürlich war dies nicht völlig problemlos, schliesslich galten besonders zu diesem Zeitpunkt Skinheads automatisch als rechts:
„S: Wie ist denn so das Verhältnis der Skinheads zum Restpublikum bei St. Pauli? Das lief ja nicht immer reibungslos…
C: Das ist ja eigentlich immer noch so. Die ganzen Leute wagen sich nur nicht, das offen auszusprechen, aber wenn welche von uns verhaftet werden, dann wird denen hinterhergerufen ‚Jaja, die Nazis, sollen sie mal ruhig verhaften, die Schweine´, auch wenn sie ´nen St. Pauli-Schal umhaben und St. Pauli-Fans gegen rechts-Aufnäher auf der Jacke haben und schon lange Jahre zu St. Pauli gehen.“(Splitter #15)

Ich möchte nicht versuchen, uns Skinheads irgendwie politisch einzuordnen. Weder heute, noch damals. Ich denke, diese Ansammlung war einfach typisch für die Skinhead-Kultur, so verschiedenartig, aber auch sehr einig. Manche kann man vielleicht im Nachhinein als Oi!-Skins bezeichnen, manche als „traditionell orientiert“, es gab überzeugte Linke und weniger überzeugte, aber allen gemeinsam war die Vorliebe für den FC St. Pauli und eine tiefsitzende Abneigung gegen Rechte und Faschisten:
„S: Vielleicht fehlt da ein bisschen die Abgrenzung nach rechts.
C: Was heisst, da fehlt die Abgrenzung? Die letzten Jahre hier in Hamburg – wir gehen da jetzt von uns aus und auch von den Leuten von St. Pauli – wenn’s Ärger mit Nazis gab, da waren das die Glatzen von St. Pauli […] Also ich weiss nicht, was ich mich mehr abgrenzen soll, ich hab mich mein Leben lang abgegrenzt und keinen Bock auf die Leute.“(Splitter #15)

Seitdem hat sich nicht viel geändert. Natürlich kommen einige der alten Skinheads nicht mehr – oder auch nicht mehr so oft – zum Fussball, dafür aber jüngere. Es fand wohl eine Art „Generationsaustausch“ statt. Seit etwa 2 Jahren lebe ich selbst in Hamburg, besitze seit 4 Jahren eine Dauerkarte und habe vor 12 Jahren mein erstes Spiel des FC St. Pauli gesehen. Es ist eigentlich eine sehr schöne Zeit, auch wenn momentan der Aufenthalt in der 3. Liga sehr viel zerstört hat, sowohl im Verein, in der Mannschaft als auch innerhalb der Fanszene. Trotzdem stehen eigentlich an jedem Spieltag 30 bis 40 Skinheads im Stadion (bzw. die ganz faulen sitzen…), zusammen mit einer handvoll Mods.

Mittlerweile hat sich für uns die Situation entspannt, da besonders in der letzten Zeit einige Konzerte von den Skinheads St. Pauli veranstaltet wurden, wo auch einige „normale“ Menschen gemerkt haben, dass wir weder Nazis noch sonstige Monster sind. Waren es vornehmlich Oi!-Konzerte (die mir persönlich nicht unbedingt gefallen) die stattgefunden haben, könnte ich jetzt vielleicht noch die Hotknives, Rude & Visser (ex-MR.Review) oder Skarface nennen, welche auf St. Pauli gespielt haben.

Vor drei, vier Jahren kam es noch öfters zu Auseinandersetzungen mit Fans vom HSV (mit wem?). Die alten Hooligans sind allerdings ruhiger geworden. Vielleicht auch deshalb, weil sie endlich gemerkt haben, dass wir keine Hooligans sind und eigentlich unsere Ruhe haben wollen. Das wird von ihnen akzeptiert.
Gerade die jüngeren Hooligans des HSV suchten aber den Ärger mit uns, den sie dann allerdings auch bekommen haben…

In letzter Zeit stellen wir aber fest, dass vor allem die Polizei sich sehr aggressiv verhält. Ich denke vor allem deshalb, weil in zwei Jahren die WM ansteht und bis dahin der deutsche Fussball „klinisch sauber“ gemacht werden soll, d.h. durch Repressionen „normale“ Fussballfans einfach vertrieben werden sollen.
Es gab allerdings auch ein paar Vorfälle, welche der Polizei Vorwände lieferten, tätig zu werden. So kam es vor etwa einem Jahr nach einem Konzert (während einer Hafenrundfahrt auf einem Schiff) zu einer unbedeutenden Auseinandersetzung zwischen St. Pauli und HSV-Fans, welche allerdings ernsthaft eskalierte, als die Polizei mit einer überzogenen Brutalität eingriff (hierbei auch von der Schusswaffe gebrauch machte, und nur mit Glück niemand verletzt oder getötet wurde…). Es gab zwar ein paar Verletzte auf beiden Seiten, doch haben danach die Medien wieder mal das übrige dazu beigetragen…

Eine andere Sache war, als unser FC St. Pauli bei der Amateur-Mannschaft des HSV im angeblich WM-tauglichen Stadion verloren hat. Im Anschluss an das Spiel entlud sich der Frust und der Ärger mancher Fans, in dem sie ein Transparent im Stadion entzündeten. Hierbei brannten ein paar „nicht brennbare“ Schalensitze ab, und heraneilende Ordner wurden gehindert, dass Feuer zu löschen, bis die Polizei eingriff… Hiermit hatten wir allerdings wirklich nichts zu tun.

Eigentlich mögen alle Skinheads St. Pauli auch andere Vereine. Ein paar von uns begeistern sich für West Ham Utd., und die meisten von uns mögen Glasgow Celtic. 2003 sind wir übrigens mit einem eigenen Skinhead-Reisebus zum UEFA-Cup-Spiel von Celtic nach Stuttgart gefahren, und im süddeutschen Videotext wurde vor anreisenden Hooligans von St. Pauli gewarnt- sehr komisch eigentlich. In Stuttgart trafen wir auf die Celtic Casuals und hatten einen sehr netten Abend in einer Kneipe…
Desweiteren bestehen daneben auch lose Verbindungen zu NAC Breda, zu Athletico Bilbao und nach Venedig.

In Deutschland selbst unterhalten wir Kontakte zu verschiedenen Vereinen. Vor allem nach Cottbus, wo es tatsächlich ein paar sehr nette, nicht-rechte Skinheads gibt, und wir auch schon eine sehr schöne Feier erlebten (und wir auf dem Weg zur Party von einem Polizeihubschrauber kilometerlang verfolgt wurden).

Auch zum FC Sachsen Leipzig, zu TeBe Berlin, zu Fortuna Düsseldorf und zum 1. FC Köln bestehen Kontakte, darüber hinaus zu vielen weiteren Vereinen, allerdings zumeist auf privater, kleinerer Ebene.
Vor einigen Wochen fand in Hamburg ein antirassistisches Fan-Turnier statt, mit Teilnehmern aus ganz Deutschland und Europa. Insbesondere mit den Fans von Levante UD verstand man sich gut, unter denen auch einige Skinheads vertreten waren.

Neben dem Fussball versuchen wir, auch darüber hinaus Veranstaltungen zu organisieren, vor allem, wie erwähnt, Konzerte oder auch Allnighter. Zumeist trifft man uns im Jolly Roger an, unsere Stammkneipe ist etwa 400 Meter vom Stadion entfernt. Das Stadion wurde übrigens im Jahr 2000 offiziell in „Stadion am Millerntor“ umbenannt, da man feststellte, dass der alte Namensgeber, Wilhelm Koch, einst Mitglied in der NSDAP gewesen ist.

Das soziale Umfeld, in dem wir uns bewegen, ist vielschichtig, genau wie die gesamte Fanszene des FC St. Pauli. Zwar haben mittlerweile viele Fans dem FC den Rücken zugekehrt, darunter auch viele der ehemaligen „Linken“, der „Autonomen“. Viele Menschen kommen mittlerweile ins Stadion, welche die grossen Auseinandersetzungen im Stadion und anderswo nicht erlebt haben, und auch kein grosses Interesse haben, sich mit den wichtigen Themen der Vergangenheit zu beschäftigen.
Allerdings entwickelte sich ab dem Jahr 2000 auch beim FC St. Pauli eine Ultrà-Szene, welche vor allem bei den jüngeren Fans gut aufgenommen wird. Diese Ultràs orientieren sich sehr stark am grossen Vorbild Italien, und hierbei insbesondere an den grossen linken Gruppen. So bestehen gute Verbindungen zu den Gruppen Working Class und Freak Brothers von Ternana Calcio, daneben aber auch zu der römischen Sektion der Juve Fighters von Juventus Turin, zu Atalanta Bergamo und nach Livorno.

Die alte und grosse Freundschaft zu Glasgow Celtic wird gerade wieder neu belebt, Anfang des Jahres fand ein grossartiges Konzert, u.a. mit Shebeen auf St. Pauli statt, zu dem auch zahlreiche Iren und Schotten angereist waren. Nach diesem Konzert wurde ein offizieller Celtic Supporters Club St. Pauli gegründet…

Auch beim FC St. Pauli gibt es ein paar erlebnisorientierte Menschen, allerdings sind diese wirklich nicht sehr viele. Mit ihnen versteht man sich auch ganz gut, wenngleich deren Beschäftigung zumeist eine andere als die unsere ist. Allerdings kam es auch schon vor, dass man sich zusammen gegen Angriffe von anderen Hooligans oder Rechten zur Wehr setzte.

Übrigens gibt es in Hamburg noch einige andere Vereine. So z.B. den erwähnten AFC. Dort tummeln sich heutzutage in der 4. Liga etwa 700 Zuschauer, darunter Bauwagenpunks, komische HSV-Hooligans und sogar einige „AntiDeutsche“, denen der FC St. Pauli auch irgendwie „antisemitisch“ erscheint. Aber ernst kann diese Fans sowieso nicht nehmen…

Momentan steht die Sommerpause kurz bevor, nach den bisherigen zwei Abstiegen hintereinander wurde der Klassenerhalt diesmal bereits drei Spieltage zuvor gesichert. So ging die Saison noch relativ entspannt zu Ende. Falls unser Verein wider erwarten doch nicht bankrott geht, wegen interner Streitereien bald aufgelöst oder einfach verboten wird, hoffe ich, dass wir in ein paar Jahren mal wieder im Profi-Fussball spielen werden. Ein paar Experten haben sich ja schon ausgerechnet, dass wir 2010 dann auch mal in der Champions League spielen müssten. Spätestens dann sehen wir uns in Barcelona…

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Barcelona Street Art 2011 - ?

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