Dudley – Back against the wall

Interview aus dem Millwall Brick. Dudley hat in den 80iger Jahren das Backs Against The Wall rausgebracht. Das BATW Zine war damals eine Ausnahme in der englischen Skinhead Szene, denn nur ganz wenige Hefte waren klar antifaschistisch orientiert.


MB: Wie lange bist Du schon Skinhead? Dudley: Ich wurde 1977 Skinhead; im reifen Alter von 16. Damals ging ich jeden Samstag ins 'Palais' (eine Disco), wo meine Kumpels und ich viele Geschichten von den älteren Jungs über Skinhead und Reggae erzählt bekamen. An einem Samstag, nach ein paar Bier, haben wir dann alle beschlossen eine Crop schneiden zu lassen. Die anderen 15 Jungs haben's nur ein halbes Jahr durchgehalten, ich hingegen habe mich seit dem nicht mehr geändert. Einer meiner besten Kumpels zu der Zeit war schon Jahre '69 Skin und hatte ein paar gute Reggae Platten, die wir hörten, was Skinhead allerdings wirklich für mich bedeutete erfuhr ich erst ein Jahr später. Ich war Anstreicher Lehrling und ein Punk mit dem ich zusammenarbeitet fragte mich, ob ich nicht Lust hätte mit ihm auf ein Sham 69 Konzert in Cardiff kommen wollte. Auf dem Konzert waren so ungefähr 600 Leute, und von diesen 600 waren ganze 15 Skinheads (was zu der Zeit eine Menge war); na ja, 6 Monate später kamen Sham nach Cardiff zurück und plötzlich waren von den 600 Besuchern ca, 580 Skinheads! Das war schon beeindruckend: hunderte Skins! Ich kannte zwar einige aus Cardiff (Cardiff City F.C.), aber so viele… und die meisten in abgelegten Klamotten ihrer älteren Brüder oder Cousinen oder was weiß ich… Nun ja, zu den meisten Punk Gigs kamen viele Skins (mich eingeschlossen). Wir mochten die Punk-Bands, weil sie aggressiv und 'working class' waren und außerdem haben sie die Bürger schockiert, aber der wichtigste Grund war, daß uns keine anderen Clubs – außer eben diesen – uns mehr rein ließen! Die Punks waren nicht immer gut auf uns zu sprechen, und oftmals gaben wir ihnen auch Grund dazu. Auf einem Gig zum Beispiel, es war ein Upstarts Gig, waren die ganzen Punks in den ersten Reihen und ein Riese von einem Skin (und besoffen dazu) hatte nicht besseres zu tun, als sich die ganze Zeit mit irgendwelchen Punks rumzuprügeln. Mensi ergriff natürlich deren Seite. Wie dem auch sei, die beste Seite am Skinhead-Dasein der damaligen Zeit war der uneingeschränkte Respekt, den man auf der Straße bekam. (Was aufhörte, als die ekelhaften Faschistenköpfe immer mehr auftauchten.) Leute wechselten die Straßeseite und meine Kumpels und ich hatten nichts anderes zu tun als stundenlang in Crombie und Sta-Prest durch die Straßen zu ziehen. Mein Lieblingsding im Leben (nach Reggae und Girls) – damals wie heut – war und ist der Fußball! Damals fuhr ich überall hin, wo Cardiff spielte. Das beste Spiel war als Cardiff in Derby spielte. 1000 Fans waren da, von denen mindestens 700 Skins waren. Während dem ganzen Spiel waren -neben den normalen Fußballgesängen- Sprechchöre mit 'Skinhead Skinhead' zu hören. Später gab's dann draußen 'ne große Hauerei mit der Polizei, die auf Pferden anrückte, und wir kamen pünktlich nach Cardiff zurück bevor die Pubs geschlossen hatten. Prima Tag!!! MB: Was denkst Du über Skinheads, die ausschließlich Oi! hören und Reggae verabscheuen?
Dudley: Ich persönlich kann Skins nicht verstehen, die ausschließlich Oi! hören. Ich liebte auch den frühen Punk und OI!, aber Reggae – oder Skinhead Reggae ('68-'72) ist für mich die Musik! Es ist unsere Musik! Ich mag die Punk, Oi, Northern Soul, 6ts Ska, Rocksteady, aber es ist Reggae was für mich 'Skinhead' bedeutet! Ich denke, daß eine Menge Oi-Musik ab Mitte der 80er Jahre nur noch weißer Rock ist. Wo ist der Stil bei der Sache? Und was immer Skinhead war und ist, es hatte immer mit Stil zu tun.

MB: Du hast ja seinerzeit das Backs Against the wall rausgebracht. Erzähl uns mal davon.

Dudley: Ich war damals recht gut mit Paul vom HARD AS NAILS Fanzine befreundet. Er kam öfter mal nach Cardiff runter, um mich zu besuchen. Als ich dann das erste mal eine Ausgabe vom HaN in den Händen hielt, wußte ich, daß es das war was 'Skinhead' bedeutet. Als sie dann das HaN einstellten, dachte ich, daß ich auch so ein Zine machen mußte. Das Backs Against The Wall erschien 5 mal. Die ersten 4 Nummern gefallen mir nicht so gut, aber die Nummer 5 war okay! 'Ne Menge Leute schrieben mir damals, daß ihnen das BATW wirklich gut gefallen würde, aber vielleicht waren sie auch nur höflich?! Aber es muß wohl ganz gut gewesen sein, denn ich erhielt auch ein paar obszöne Briefe und Anrufe von 'Blood & Honour' Typen, die mich beschuldigten, daß ich ein Commie wäre und die 'Skinhead-Unity' zerstören würde. All der übliche Müll…
Ich denke, daß es zu der Zeit soweit war, daß man sich entscheiden mußte, wo man stehen wollte. Ich jedenfalls wollte (und will) nicht mit Nazis, Rassisten, Faschisten usw. assoziert werden, denn das widerspricht allen meinen (und allen Skinhead-) Prinzipien!!! Ich gab's jedenfall nach der Nummer 5 auf, da es einfach zu viel Arbeit war (und die hab' ich nicht gerade erfunden). Wer weiß, vielleicht habe ich mich irgendwann von dem Streß erholt und mache eine Nummer 6.

MB: Wir haben ja jetzt schon 'ne Menge über die Zeit damals gehört. Worin siehst Du denn die Hauptunterschiede zwischen Skins in den 70ern und heute?

Dudley: Ich denke, daß sich alles und jeder weiterentwickeln muß, aber wir hatten meinen Meinung nach die beste aller Skinhead-Äras erwischt, obwohl die original Skins '69/'70, die mit dem meisten und besten Stil waren. Allerdings würde heutzutage wohl niemand mehr so ausgebauschte Jeans tragen. Abgesehen davon bekommt man 25 Jahre alte Klamotten heute ja auch nicht mehr so leicht. Zeiten und Einstellung ändern sich. Ich trage immernoch grüne Bomber-Jacken, die sich beim Fußball in den 70ern großer Beliebtheit erfreuten, Dr. Marten Shoes, die noch von 10 Jahren exklusive Skinheadkleidung darstellten, aber heute von jedem getragen werden. Der Unterschied zwischen damals und heute…tja, schwer zu sagen. Ich lebe in der heutigen Welt und schaue oft zur Inspiration in die Vergangenheit zurück.

MB: Was bedeutet es den generell für Dich Skinhead zu sein?

Dudley: In einem Wort – ALLES! Nein, ich denke eigentlich gar nicht mehr darüber nach. Ich bin jetzt 18 Jahre Skinhead und dachte niemals darüber nach. das zu ändern. Ich werde wohl selbst als Pensionär noch Skinhead sein. Es paßt absolut mit einem Lebensstil zuammen. Ich lebe um Reggae zu sammeln (und Northern Soul für meine 'Missus'!), und -neben meinen Kindern- regiert Fußball mein Leben! Obwohl ich eigentlich gar nicht mehr so oft zu Spielen gehe, da es mittlerweile zu teuer geworden ist und Cardiff nur noch Scheiße zusammenspielt! Tja, die Working Class wurde sozusagen aus den Spielen 'ausgepreist'.

MB: Du erzähltest eben ja viel von den ersten Punk-Gigs auf denen Ihr damals ward. Was dachtest Du denn seinerzeit über die neu aufkommende Subkultur Punk?

Dudley: Wie ich schon sagte, war Skinhead viel vom Punk-Kult beeinflußt worden. Daran gibt's keinen Zweifel. Zuerst gingen wir zu den Clubs und Konzerten, weil uns niemand anderes reinlassen wollte, aber wir gingen hin!. Viele Punks sahen uns vielleicht als bedrohlicher und heftiger an als Ihresgleichen und wurden Skins. Skins mit Einstellungen von Punks. Ich muß auch sagen, daß ich damals auch wirklich eine gute Zeit hatte mit Bands wie Menace, Sham, Upstarts, Undertones, den Cockney Rejects usw. Gute Musik mit einer großen Skinheadgefolgschaft. Ich habe keine Ahnung wann und wo es anfing mit Oi! schief zu laufen, aber man kann mit Sicherheit nicht sagen, daß die National Front nichts damit zu tun hatte. Sie waren da und das kann niemand bestreiten. Ich denke, daß es der Fehler der Oi Bewegung war diese Leute zu ignorieren. Und dann auch noch in Orten wie Southall zu spielen, was im nachhinein klar war, daß da sowas einfach passieren mußte. ich denke, daß da Bushell einiges zu erklären hat, denn ein Mann mit Prinzipien war er sicher nicht.

MB: Stimmt es eigentlich, daß Cardiff eine Skinheadhochburg war/ist?

Dudley: Also Cardiff hatte einen starke Skinheadgefolgschaft seit '69. Ich kann mich daran erinnern im Jahre 1970 eine lokale Zeitung gesehen zu haben mit einer Story über 150 Grangetown Skins, die in Barry (Urlaubsort in der Nähe von Cardiff) ziemlich Ärger gemacht haben. Grangetown ist ein Innenstadtbezirk von Cardiff, wenn also 150 allein aus diesem Bezirk kamen, kann man sich wohl vorstellen wie viele es dann in ganz Cardiff und Südwales (ca. 2.000.000 Einwohner) gegeben haben muß. In der Mitte der frühen 80er Jahre gab's einige Clubs, die uns bewirteten und obwohl nicht alle Skins Reggaeliebhaber waren und einen smarten Kleidungsstil hatten, so muß ich doch sagen, daß es keine politischen Typen gab. Ich denke, daß das wohl auf die meisten Städte außer London zutraf. London ist ein Sonderfall, und ich denke, daß leider die meisten ausländischen Skins nur die Londoner Cockneys kennen und sich über diese ihr Bild über englische Skinheads bilden. Ein großer Fehler! Aber nicht nur ausländische Skins. Später in den 80ern wurden die Leute, die (hauptsächlich) Oi hörten immer mehr durch Skrewsriver usw. beeinflußt und das brachte die Sache in Cardiff um! Und auch auf jeden Fall für mich. Ich kann absolut nicht sagen wie viele Skins es noch in Cardiff gibt und in welchen Clubs sie gehen. Ich bin mit meinen Kindern genug beschäftigt und bin wohl ein langweiliger, alter Furz geworden.

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